letzte Aktualisierung last update :  01.10.2008 

©  Dr. Marion Ebel

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Fuldaer Zeitung, 13.09.2008




Wölfe im Spessart – ein realistisches Szenario


REGION Durch Sagen und Märchen der Brüder Grimm kennt jeder den Wolf als Verkörperung des Bösen. Entsprechend zwiespältig waren die Gefühle, mit denen die Nachricht, „Wolf in Hessen gesichtet“, aufgenommen wurde.





Die Meldung handelte von einem Tier, das im Reinhardswald – nicht weit vom Dornröschenschloss Sababurg – seine Kreise zieht. Könnte auch die Region zwischen Rhön, Vogelsberg und Spessart zur Heimat eines solchen Raubtieres werden?

„Ich warte gespannt drauf und hoffe, es passiert noch in meiner Dienstzeit – also in den nächsten 15 Jahren“, sagt Jörg Winter als bekennender Wolf-Fan. Der Leiter des Forstamtes Schlüchtern hält es für nicht ausgeschlossen, dass eines Tages auch im südlicheren Hessen Wölfe heimisch werden könnten: „Die Spessartwälder sind groß genug. Dort gibt es auch genügend Wild.“ Zudem hätten es andere einst in der Region ausgestorbene Wildarten vorgemacht: „Wir haben ziemlich zuverlässige Informationen über die Sichtung von Luchsen. Belegt ist auch, dass Wildkatzen hier leben, und Biber sowieso“, erläutert der Forstdirektor, der erzählt, dass auf seinem Schreibtisch ein Wolf-Kalender steht. Als ein Hindernis für die Rückkehr von Wölfen in die Region sieht Winter die Straßen und Eisenbahnlinien: „Es fragt sich, wie viele Verkehrslinien der Wolf überwinden kann.“


„Zweischneidige Sache"


Mit deutlich hörbarer Skepsis äußert sich dagegen Anneliese Merx zu dem Thema. Das Vorstandsmitglied des Kreisjagdvereins Schlüchtern glaubt nicht, dass ein Wolf im Spessart heimisch werden könnte, „vielleicht wird irgendwann ein Wolf hier durchziehen. Ich wage es auch zu bezweifeln, dass in Nordhessen ein wilder Wolf gesichtet wurde. Ich denke eher, dass das Tier ausgesetzt wurde. Bekannt ist aber, dass von Tschechien her hin und wieder Wölfe über die Grenze kommen.“ Die Schlüchternerin hält eine Rückkehr des Raubtieres für eine „zweischneidige Sache. Die Ansiedlung des Luchses, eines sehr scheuen Tieres, unterstützen wir. Der Wolf passt nicht in unsere eng besiedelte Landschaft. Er ist eher ein Tier des Ostens.“

Anneliese Merx verweist darauf, dass zwar Einzelgänger keine großen Tiere reißen. „Aber im Rudel, oder auch nur als Paar, gehen sie auf die Jagd. Dann reißen sie Schafe und alles, was sie als leichte Beute vor den Fang bekommen. Selbst von Übergriffen auf Menschen habe ich schon gehört“, liefert sie ein Argument gegen die Akzeptanz von Wölfen in Hessen.


Genügend Raum für Wölfe


Das ist eine Aussage, die Dr. Marion Ebel nicht gelten lässt: „Ich habe nur von einem Fall gehört, dass ein kleines Kind von einem Wolf getötet wurde. Das war in Indien und hat eine spezielle Vorgeschichte, weil dort die Höhlen der Wölfe ausgeräuchert worden waren und die Tiere sich an den menschlichen Geruch gewöhnt hatten. In Kanada soll vor 150 Jahren ein Preisgeld für denjenigen ausgesetzt worden sein, der eine Wolfattacke belegt. Das Geld kann noch immer abgeholt werden.“

Ebel hat die wildbiologische Betreuung im Wildpark „Alte Fasanerie“ Klein-Auheim inne – und spricht aus langjähriger Erfahrung im Umgang mit Wölfen. So hat sie in den vergangenen vier Jahren drei Polarwölfe aufgezogen und auf den Menschen sozialisiert. Die Verhaltensweisen dieser Tiere sind zwar nicht vollkommen mit denen ihrer in Freiheit lebenden Artgenossen zu vergleichen. Jenen ruft Dr. Ebel aber ein herzhaftes „welcome back – Willkommen zurück“ entgegen: „Der Tisch ist gedeckt, wir haben genügend Wild. Falls wirklich mal ein Haustier, etwa ein Schaf, gerissen werden sollte, dann müssen die Eigentümer entschädigt werden. Ansonsten müssen den Schäfern die nötigen Verhaltensweisen gelehrt werden.“ In den großen Wäldern im Reinhardswald oder auch im Nationalpark Kellerwald-Edersee sieht sie genügend Raum für Wölfe. „Dass sie aber standorttreu in unserer Ecke leben werden, wage ich zu bezweifeln. Die Beutetiere werden auch schlauer und somit wird es schwieriger für die Wölfe, Beute zu machen. Also müssen sie weiterziehen“, erläutert die Biologin.


„Platz wäre für etwa 250 Tiere.“


Die Angst vieler Leute vor Wölfen kann Dr. Ebel erklären, aber aus fachlicher Sicht nicht nachvollziehen: „Niemand hat einen Wolf gesehen, trotzdem stellen sich einem die Nackenhaare. Aber wir gehören nicht zu seinem Beutespektrum. Er ist so scheu, dass er seinen Schwanz einzieht und in die andere Richtung rennt. Und man kann sicher sein: Er bemerkt uns zuerst.“

Auf etwa 30 Tiere in vier Rudeln, die in Brandenburg und Sachsen heimisch geworden sind, schätzt Marion Ebel die Zahl der in Deutschland lebenden Wölfe: „Platz wäre für etwa 250 Tiere.“

Nachdem eines in den Reinhardswald wanderte, könnte über kurz oder lang auch in der hiesigen Region ein Wolf gesichtet werden, oder? „Wenn ein Rudel zu groß wird, wird ein Tier weggedrückt, das dann so lange allein weiterzieht, bis es ein passendes Revier und irgendwann einen Partner findet. In Brandenburg hat es ein Jahr gedauert, ehe auch eine Wölfin durch die Neiße geschwommen kam.“ Die Hoffnung auf Wolfsbesuch in unserer Region – oder je nach Sichtweise, die Befürchtung – besteht also.


Von Walter Kreuzer